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01.02.2016, 23:00 Uhr | Bietigheimer Zeitung vom 01.02.2016 / Martin Tröster
"Am liebsten gegen Hermann"
CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf hält in der Bietigheimer Kelter eine starke Rede mit den Kernthemen Schule, Wirtschaft und Flüchtlinge. Geschickt stellt er sich in die Tradition Lothar Späths. Mit Vorliebe holzt er gegen Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann.
Foto: Team Gramling

Guido Wolf kann etwas, das ihm bei einer Wahlkampfrede für die CDU in der Bietigheimer Kelter nicht gerade schadet: Er "schwätzt" schwäbisch.

Gelegentliche Einsprengsel in derberem Dialekt gehören zum rhetorischen Waffenarsenal des ehemaligen Nürtinger Bürgermeisters und Tuttlinger Landrates. Wenn er nun wie am Sonntagmorgen als Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Bietigheim-Bissingen gastiert, verleiht die Umschwäbelung seinen Attacken auf die grün-rote Landesregierung einen Mix aus Aggressivität und Heimatverbundenheit, der sehr gut ankommt bei den knapp 250 Zuhörern. Besonders, als der Hobby-Mundart-Dichter besagte Sprachkompetenz mit (wohl dosierter) Selbstkritik verbindet: "Auch die CDU hat in 58 Regierungsjahren Fehler gemacht. Sie ist da und dort ein bisschen überheblich geworden." Wenn er aber die grün-rote Regierung anschaue, erkenne er, dass Überheblichkeit sich auch früher als erst nach 58 Jahren einstellen könne: "Do langad fünf!"

Tosender Applaus. Wolf hält eine starke Rede, in der die Lokalpatrioten hemmungslos umschmeichelt werden: "Bietigheim-Bissingen steht für Fortschritt und Innovation. Sie ist die Stadt von Dürr und Umbreit - und die Stadt meiner Hemden." Kein Unternehmen sei ihm täglich so nahe wie Olymp.

Wolf wärmt das Bietigheim-Bissinger Christdemokraten-Herz mit den Kernthemen Schule und Wirtschaft. Geschickt stellt er sich in die Tradition eines berühmten Mannes, der eng mit der Stadt verbunden ist und auf dessen einstiges Ministerpräsidenten-Amt Wolf nun äußerst gute Chancen hat: Lothar Späth. Der ehemalige Bietigheimer Finanzbürgermeister habe wie er selbst seine Wurzeln im Kommunalen. "Lothar war die personifizierte Innovation. Er ist jeden Tag mit zehn Ideen ins Staatsministerium gekommen. Da war das Staatsministerium noch eine Ideenschmiede." Mit derlei Huldigungen bringt Wolf die konservative Bietigheimer Volksseele zum Schnurren. Aus dieser heimeligen Wärme schaltet Wolf übergangslos zur Attacke: "Heute ist das Staatsministerium ein Verwaltungsapparat."

Keinem aus dem grün-roten Regierungslager schenkt Wolf so derbe ein wie dem grünen Verkehrsminister Winfried Hermann. "Die Probleme der Verkehrspolitik im Land haben einen Namen", holzt Wolf. "Winfried Hermann." Der habe bei seiner Vereidigung wohl etwas falsch verstanden. Hermann sei in erster Linie ein Kontroll- und Bevormundungsminister. "Einen Erziehungsminister im Verkehrsministerium brauchen wir nicht." Wie zuvor Gramling (siehe Infobox) ist Wolf dröhnender Applaus unter den Zuhörern im staugeplagten Bietigheim-Bissingen sicher. Der Bogen zu einem Kernanliegen seiner Wirtschaftspolitik ist damit schnell geschlagen: "Freiheit statt Bevormundung", lautet Wolfs Parole gegen die, wie er es sieht, grün-rote Regulierungswut - frei nach dem alten CDU-Schlagwort "Freiheit statt Sozialismus", das vor 40 Jahren noch gegen die SPD zielte. Ein Wandel in der Sprache, der viel aussagt über die neuen Kräfteverhältnisse unter den CDU-Gegnern.

In puncto Bildungspolitik wiederholt Wolf seine bekannte Ansage, keine weiteren Gemeinschaftsschulen einzurichten. "Wir werden keine Parteipolitik auf dem Rücken der Kinder betreiben." Die CDU werde daher bestehende Gemeinschaftsschulen unterstützen. Allerdings würde er als Ministerpräsident "die Realschule wieder in den Mittelpunkt stellen". Dafür erhielt er johlende Zustimmung in der Kelter - wie auch für sein Versprechen, weder an den Modellen des Gymnasiums noch der Sonderschule zu rütteln.

Auffällig an seiner Rede ist: Die SPD wird nahezu verschont. Auch den Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dessen Beliebtheitswerte Wolf durchaus zusetzen, fasst er sanfter an als den Verkehrsminister. Ein bisschen sanfter jedenfalls: Denn Kretschmann habe einen "schweren Fehler begangen", als er 2014 im Bundesrat die Aufhebung der Residenzpflicht für Asylbewerber durchgesetzt habe. "Ich will nicht, dass sich ein Asylbewerber überall im Land aufhalten kann und sich Verfahren verzögern."

Das Thema Flüchtlinge behandelt er vornehmlich landespolitisch. Die unbeliebte Asylpolitik der Bundesregierung, angeführt von Parteifreundin Angela Merkel, bedenkt er gar mit einem mitteldeftigen Seitenhieb: Es sei erfreulich, dass die Koalition in Berlin mit dem neuen Asylpaket "so etwas wie Handlungsfähigkeit gezeigt hat".

In der CDU sei unumstritten, dass Verfolgten Schutz gewährt werden müsse. Das ergebe sich auch aus dem ,C' im Namen der Partei, "aus unserer humanitären Verantwortung". Dezenter Applaus. Derzeit aber kämen viele Flüchtlinge auch aus wirtschaftlichen Gründen. "Ein weiteres Jahr mit einer Million Flüchtlingen können wir nicht erleben." Der Applaus ist jetzt lauter. Nach Baden-Württemberg kämen deshalb so viele, weil Grün-Rot falsche Anreize setze. Zum Beispiel: 143 Euro Taschengeld im Monat. Er sei daher für Sach- statt Geldleistungen. Die Gesundheitskarte für Flüchtlinge "passt jetzt nicht in die Landschaft". Ob er grundsätzlich dafür oder dagegen ist, lässt Wolf in der Kelter offen. Menschen mit rechtskräftig abgelehntem Asylantrag müssten von Grün-Rot konsequenter abgeschoben werden. Noch stärkerer Applaus.

Soviel zu den Gegnern von links. Der Gefahr auf der rechten Flanke widmet sich Wolf nur einmal: Die Politik dürfe sich nicht einbilden, welche Ängste und Sorgen wichtig zu sein hätten. "Wenn das die etablierten Parteien nicht machen, tun das andere." Er spricht von "Parteien, die niemand im Parlament haben will". "AfD" sagt er nicht.


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